„Den Mächtigen auf die Finger schauen“

„Den Mächtigen auf die Finger schauen“

Zur Zukunft gedruckter Tageszeitungen in der Region

von Claudia Mast, Klaus Spachmann und Katherina Georg

Baden-Baden: Nomos 2019, 224 Seiten, 44 EUR
ISBN 978-3-8487-3628-7

 

(av) Dies ist die erweiterte Fassung einer zeichenbegrenzten Rezension in der Fachzeitschrift Publizistik 65(2020)1, S. 103ff. Die Werkfassung ist erhältlich über link.springer.com, https://doi.org/10.1007/s11616-019-00543-w

Der Verlag der „Pforzheimer Zeitung“ (PZ) hat vor einiger Zeit eine mutige Entscheidung getroffen: In großer Offen­heit und enger Zusammenarbeit hat er gemeinsam mit einem wissen­schaftlichen Partner – dem Fach Kommunika­tions­­wissenschaft und Journa­listik an der Universität Hohenheim – die Entwick­lungsmöglichkeiten seiner Regionalzeitung untersucht und die Ergebnisse dieses Projektes der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die aktuellen Herausforderungen der regionalen Tagespresse brauchen an dieser Stelle nicht erst erörtert werden – sie sind hinreichend bekannt. Die Tagespresse bildet – auch wenn sie schon lange nicht mehr im Zentrum der Kommunikationswissenschaft steht – bis auf den heutigen Tag mit ihrer publizistischen Leistung den Nukleus unseres Forschungsfeldes „öffentliche Kommunikation“. Ohne ihre wirtschaftliche Kraft würden zudem ein großer Teil der heutigen Online­­pub­lizistik und der Social Media Postings deutlich inhaltsärmer sein. Insofern sind Forschungen zur Tagespresse der Gegenwart unverändert von großer Relevanz.

In vier Blöcken mit jeweils mehreren Kapiteln stellen die Autor*innen Verlauf und Ergebnisse des Projektes vor. Sie beginnen mit dem Status Quo, den Ursachen der Auflagenrückgänge, diskutieren die Themen Kernkompetenz, Lesernähe und Leistungskraft der Tagespresse. Im zweiten Block werden Befunde einer repräsentativen Leser- und Nichtleser­befragung aus dem Jahr 2015 dargestellt und interpretiert. Dann hat der Verlag das Wort: Welche Strategie hat die „Pforzheimer Zeitung“? Welcher Weg wurde im Internetzeitalter gewählt und welche Erkenntnisse aus dem aktuellen Projekt können in welcher Weise operationalisiert werden? Ein zusammenfassendes Fazit beschließt das Werk.

Grundsätzlich hätte dies eine wichtige Publikation werden können. Hand­werk­lich haben die Autor*innen ihre Studie sorgfältig durchgeführt, die Fragestellungen sind klar, die Ausführungen verständlich und gut lesbar, das Vorgehen immer nach­vollziehbar. Die Befunde mögen für einen regionalen Tagespresseverlag zwar hilfreich sein, entsprechen allerdings weitgehend den Vorschlägen der aktuel­len Presseforschung: „Lokales zuerst“, „nah am Leser“, „Leser einbeziehen“, „kritische Instanz“, „besser Erklären“ – das haben wir alles schon einmal gehört oder gelesen. Erhoffte innovative Sichtweisen oder Lösungen finden sich hier also nicht. Woran liegt es, dass der Rezensent das Werk zudem mit einem Stirnrunzeln aus der Hand legt?

Bereits in der theoretischen Fundierung gibt es Inkonsistenzen: Allsätze werden formuliert, die an anderer Stelle durch Differenzierungen zurückgenommen wer­­den. Die Autor*innen formulieren Sichtweisen, die merkwürdig flach und un­bewiesen bleiben. Normative Postulate werden verworfen und am Ende wieder hervorgeholt.

Der erste Block diskutiert die Ursachen der sinkenden Verkaufsauflagen. Dabei irritieren einige Aussagen: „Letztlich können die aktuellen Trends als die Fortsetzung dessen gesehen werden, was mit der Aufklärung und der Entstehung des modernen Staats im 18. Jahr­hundert begonnen hat“. (S. 49) Singlehaushalte, Pendler/Mobilität, Migrationshintergrund – alles schon im 18. Jahrhundert angelegt? Der gesellschaft­liche Wandel wird an dieser Stelle als linear und in eine Richtung gehend missverstanden. Doch zwei Absätze später ist dann alles wieder anders: Da entdecken die Autoren „eine andere Qualität der Moderne“ (S. 49), „die Gesellschaft verändert sich grundsätzlich“ (S. 51). Unter Verweis auf verschiedene Soziologen wird die Beschleunigung des Wandels als ursächlich für alle Probleme des heutigen Individuums ausge­macht: Verunsicherung, Konsumorientierung, Ablehnung von Institutionen, Autoritäten und Hierarchien. In der Folge gewännen Netzwerke und Kooperationen an Bedeutung – „sie greifen auf die Weisheit der Vielen zurück“ (51). Damit erscheint das Internet als Vernetzungsinstrument genau zur richtigen Zeit in unserer Weltgeschichte. Und die schöne neue globale Netzwerkgesellschaft „ist der Gegenentwurf zur nationalstaatlich organisierten und durch hierarchische Institutionen geprägten Industriegesellschaft“ (51).

Hat der Rezensent etwas nicht mitbekommen? Haben sich nicht schon in den ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts Kunst und Kultur intensiv mit einer so empfundenen Überforderung des Menschen durch den raschen technolo­gischen Fortschritt auseinandergesetzt? Und wie verhält sich das heutige welt­weite Wieder­erstarken der nationalen und autoritären Kräfte und Parteien zur Interpretation als einer „globalen Netzwerkgesellschaft“? Noch so ein Satz: „Mit dieser Entwicklung geht einher, dass die Menschen bei der Informations­suche und -gewinnung selbst aktiv sind. Sie bringen sich ein, tauschen sich aus, selektieren und bewerten Informationen.“ (51). Nein – so ist es ganz und gar nicht. Aktuelle Erkenntnisse der Medien­nutzungsforschung zeigen hingegen: Weder sind die Rezipienten insgesamt heute aktiver, noch nutzen sie ein größeres Spektrum von Quellen. Im Gegenteil – immer mehr Menschen schließen sich in ihren Blasen ein oder sind heute der irrigen Auffassung, wich­tige Informationen würden in irgendeiner Weise den Weg zu ihnen von selbst finden.

Noch ein weiterer dieser nicht abgesicherten problematischen Allsätze, der in einem wissenschaftlichen Werk irritiert: „Die Selbstverständ­lich­keit und Vertraut­heit, die in früheren Zeiten im Umgang mit den Medien vorhanden war, ist jedenfalls verloren gegangen“. (51) Als hätten sich die Rezipienten früher mit der Tagespresse verbrüdert – sie hatten nur wenige Alternativen. Warum schrieben Glotz/Langenbucher 1969 das Werk „Der missachtete Leser“, warum gab es Versuche alternativer Medien? Insofern steht es mit der Fundierung der vorgelegten Gesellschafts- und Medien­­analyse nicht zum Besten.

Auch die Beziehung zwischen Staat, Gesellschaft und Bürgern wird letztlich nicht wirklich erhellt. Ausgeführt wird zur Rolle der Zeitung: „Gefragt ist eine Haltung, die konsequent auf Vermittlung und Verständigung zwischen der Systemwelt der Gesellschaft und der Alltagswelt der Menschen setzt.“ (55) Steht in Deutschland der Mensch außerhalb der Gesellschaft? Wir beobachten doch gerade heute in Deutschland überall ein sehr starkes zivilgesell­schaft­liches Engagement. Oder ist eigentlich ein Gegensatz von öffentlich und privat gemeint?

Der empirische Teil verbleibt bereits in den an die Redakteur*innen und Leser*innen gestellten Fragen sehr konventionell. Es werden keine Fragen gestellt, die auf die Sozialstruktur der Region, ihre Milieus und Szenen abzielen. Auch Migrationshintergrund oder Pend­ler­verhalten werden nicht ermittelt. Wer zudem allgemeine Themeninteressen abfragt, erfährt daraus nicht, was die Befragten davon konkret in der Pforzheimer Zeitung lesen wollen – sie nutzen für viele dieser Themen ja bereits andere Quellen.

Die Differenzierung der Leserschaft verbleibt in der Auswertung zumeist bei Frauen und Männern, bei älteren und jüngeren Lesern. Leider ist der gesamte Fragbogen nicht dokumen­tiert, auch die Steckbriefangaben der CATI-Befragung sind nur rudimentär. Zwar werden die Fallzahlen genannt (n=501 Leser der PZ; n=260 Nicht-Leser), nicht aber die Daten der Grundgesamtheiten, Ausgangs­stichproben, Ausschöp­fungen oder konkreten Feldzeiten.

Das Interesse der Nicht-Leser*innen der PZ an Ereignissen in ihrer Region ist ähnlich ausgeprägt wie das der Leser*innen. Daher wäre es für die Entwicklung neuer innovativer Angebote wichtig, genauer zu erfahren, ob und wie dieses Interesse aktuell befriedigt wird. In der Studie findet sich hierzu aber leider nur ein knapper Satz: „In erster Linie greift diese Gruppe – wie auch die Leser der „Pforzheimer Zeitung“ (…) – auf das Internet zurück, gefolgt von Fernsehen, Radio und dem örtlichen Gemeindeblatt (ohne Abbildung).“

Für den Rezensenten sind Anlage und Analyse des empirischen Teils zu wenig innovativ. Dieser verbleibt sowohl im klassischen Kanon der Mediennutzungs­for­schung als auch der gängigen Ressorteinteilungen. Insoweit zeigen die Befunde zwar Möglichkeiten für eine Optimierung herkömmlicher Konzepte auf. Es unterbleiben aber die eigentlich notwendigen Erkundungen der Regionalmilieus für ganz neuen Handlungsoptionen der Tagespresse und damit auch für ihre gesicherte Zukunft.

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