Mein Leben mit Zeitungen

Mein Leben mit Zeitungen

von Dirk Ippen

Frankfurt: Societätas-Verlag 2019, 256 Seiten, 20 EUR
ISBN 978-3-95542-368-1

 

(av) Über Dirk Ippen haben Dritte bisher kaum publiziert, oblgeich seine Zeitungsgruppe zu den größten Deutschlands gehört. Wohl weil sie keine übersichtliche Konzernstruktur aufweist, stand Ippen als Konzernlenker selten im Rampenlicht. Gerade heraus und ohne Schnörkel ist diese Autobiographie des 1940 geborenen Verlegers Dirk Ippen, der von sich selber sagt, eigentlich „nie ganz dazugehört“ zu haben und sich von keiner Gruppe hat einbinden lassen, weil ihm der Konformismus nicht liegt, „der doch zu jeder Gemeinschaft gehört“ (S. 17).

Gut geschrieben, unterhaltend und lehrreich lässt er seine Leser*innen an Erfolgen und einigen Misserfolgen teilnehmen. Ohne falsche Zurückhaltung gibt er auch erstaunlich offene Einschätzungen zu Personen, die ihn begleitet haben. Die meisten positiv, einige aber auch sehr kritisch. Zur WAZ-Führung zum Beispiel, dass „der gewiefte Jurist und überaus tüchtige Kaufmann Grotkamp alles andere als ein kreativer Zeitungsverleger war. (…) So gesehen war es bedauerlich, dass mit Erich Schumann von der Brost-Seite nun noch ein Advokat (…) in den Verlag eingezogen ist.“ (S. 78/79).

Mit 27 Jahre startete der frisch promovierte Jurist im Januar 1968 sein Verlegerleben in Hamm, sein kurz zuvor verstorbener Vater hatte für ihn 40 Prozent des dortigen Zeitungsverlags gekauft und damit einen Start als Juniorchef mit vorbereitet. Rolf Ippen (1899-1968) war vom Fach – als Geschäftsführer des Verlegerverbandes Westfalen und nach dem Krieg als Verlagschef der WAZ 1949-1963. Vorbereitend hatte Dirk Ippen verschiedenste Praktika in seiner Studienzeit absolviert und auch die Geschäftstätigkeit des Vaters begleitet.

Nicht alle Daten und Fakten sind so exakt bzw. zutreffend, dass man sie in ein Werk der jüngeren Zeitungsgeschichte übernehmen könnte. Zeitpunkte werden häufig nur grob genannt, mitunter schleichen sich auch kleine Ungenauigkeiten ein. Aber die Schilderungen ergeben ein sehr dichtes Bild der Branchenentwicklung über einen Zeitraum von rund 50 Jahren. Konsequent lokale Ausrichtung und Lesernähe sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts – der Westfälische Anzeiger praktizierte sie schon in den 70er Jahren konsequent. Und wer hätte gedacht, dass Erich Brost in der ersten Ausgabe der WAZ im April 1948 auf der Titelseite formulieren ließ: „Die WAZ will nicht zuletzt auch eine Plattform für den freien Austausch verantwortungsbewusster Meinungen zu wichtigen Streitfragen bieten. Sie erwartet deshalb die Mitarbeit auch ihrer Leser.“ (S.25) Was dann aber später gründlich in Vergessenheit geriet. Ippen klassifiziert die Aufstellung des WAZ-Konzerns von den 70er bis zur Übernahme durch die Funke-Erbin 2013 als „alt und unbeweglich“ (S.79).

Die Idee zu einer Zeitungskette kam Ippen bereits bei einem USA-Besuch und getreu seinem Motto „Wachsen oder weichen“ fand er ein erstes Objekt 1971 in der heutigen Kreiszeitung Syke, an der er sich mit 65 Prozent beteiligen konnte. Durch verschiedene Fusionen in den nächsten Jahren entstand nach und nach in Niedersachsen ein „Kreiszeitungs“-Verlag. Er gehört sieben Altverleger-Familien der eingebrachten Titel sowie minderheitenbeteiligt auch der Ippen-Gruppe.

1974 erwarben Ippen und sein Umfeld 50 Prozent der defizitäre Offenbach-Post. Nach zwei Jahren Sanierung war sie ertragsstärker als das Verlagshaus in Hamm. 1978 gelang der Einstieg in Uelzen. Weitere Zeitungen traten in den nächsten Jahrzehnten hinzu, obwohl Platzhirsche wie Madsack und Springer die Ausbreitung von Ippens Zeitungsnetz systematisch zu verhindern suchten. Häufig war die angetroffene Situation vor Ort wirtschaftlich problematisch und konnte durch das inzwischen angehäufte KnowHow der Partner und Mitarbeiter von Ippen in jeweils wenigen Jahren deutlich verbessert werden. Hierzu wurden auch neue Anzeigenblätter in großer Zahl gegründet. Ein weiteres kostensparendes Erfolgsgeheimnis war die zentrale Finanzbuchhaltung für alle Beteiligungen in Hamm. Bei seinen Expansionen galt für Ippen der Leitspruch „wachsen durch teilen“.

Ausführlich schildert Ippen die Übernahme des ebenfalls defizitären Münchener Zeitungsverlags (Merkur, tz) im Januar 1982 und die verschiedenen Schritte bis zu seiner Gesundung. Besonders die Umstellung der Vorstufe weg vom Bleisatz erwies sich als betriebsinterne Herausforderung. Es gelang durch dezentrale neue Fotosatzbetriebe nahe bei den Lokalredaktionen, deren Einrichtung der Betriebsrat in München nicht blockieren konnte. Ende 1983 war dann auch im Hauptbetrieb die Umstellung vollzogen.

Immer wieder zeigt sich, wie wichtig es war, in den jeweiligen Verbreitungsgebieten auch Anzeigenblätter zu platzieren. Selbst die Herausgabe von Telefonbüchern führte zu insgesamt gesteigerten Anzeigenumsätzen. Auch die Rubrikenanzeigen waren häufig eine wichtige Stütze, deren späteres das Abwandern ins Internet nicht nur zu rückläufige Anzeigeneinnahmen, sondern auch rückläufige Verkaufszahlen der Zeitungen zur Folge hatte. Ippen schätzt die negativen Folgen im Rubrikengeschäft auf „in der Summe Milliarden“, die an Einnahmen verloren gingen.

In weiteren Kapiteln äußert sich Ippen zu Personen (Kirch, Strauß, Springer, Neven DuMont, Meisner…) und kommt über die Themen Steuerehrlichkeit, Arbeitnehmervertreter, Kartell- und Finanzbehörden und dem Immobilienbesitz der Zeitungsverlage schließlich auch zum digitalen Wandel. Der Ippen-Gruppe ist gemeinsam mit Holtzbrinck und dem Verlag der Rheinische Post der erfolgreiche Sprung in den deutschen digitalen Rubrikenmarkt gelungen (markt.gruppe; immowelt, stellenanzeigen.de, …). Ihre Zeitungsstandorte, „ein Flickenteppich quer durch Deutschland“ (S.239), liegen überwiegend nicht in den Metropolen, sondern im Kleinräumigen. Hier hat Print weiterhin ein gutes Standing, wenngleich die Auflagen inzwischen wieder auf dem Niveau von vor 50 Jahren liegen – allerdings zu deutlich höheren Abonnementspreisen. Auch redaktionell gestaltete Anzeigenzeitungen tragen zu weiterhin guten Ergebnissen bei. Lokale Märkte haben ihr Potential, lokaler Journalismus kann über Print, Hörfunk, Websites und Apps blühen. Inzwischen sind alle Ippen-Zeitungen und publizistischen Online-Angebote über ein einziges digitales Netz miteinander verbunden. „Das beschert und inzwischen digitale Erlöse in Millionenhöhe, die ich für kaum möglich gehalten hätte“ (S. 240). Die Entwicklungsmöglichkeiten so vernetzter lokaler/regionaler Zeitungsverlage schätzt Ippen vorsichtig optimistisch ein.

Das Werk ist gut geschrieben, kurzweilig zu lesen und gibt – von einem klaren Standpunkt aus – einen Einblick in die Entwicklung der Zeitungsverlage seit den 70er Jahren. Zugleich ist es ein Anliegen von Ippen, zum Unternehmertum zu ermutigen und dabei auch Leitlinien seiner Arbeit weiterzugeben. Dem Rezensenten gefällt daran besonders der durchgängige implizite Aufruf zum kooperativen Handeln – gerade auch über das eigene Unternehmen hinweg.

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