Uses and Gratifications

Uses and Gratifications

von Denise Sommer

Baden-Baden: Nomos 2019, 147 Seiten, 21,90 EUR
ISBN 978-3-8329-6807-6

 

(av) Dieses Werk befasst sich als Lehrbuch mit einer wichtigen theoretischen Grundlegung für das Verstehen von Nutzungsvorgängen publizistischer Medien. Der Uses and Gratifications Ansatz ist eine wichtige und hilfreiche Sichtweise für Alle, die sich mit Lesern, Hörern, Zuschauern und Nutzern beruflich befassen.

Das Raster des Lehrbuchs ist übersichtlich und nachvollziehbar. Es gliedert sich in: Grundzüge des Ansatzes, Wurzeln und theoretische Grundlagen, Forschungslogik, empirische Befunde, Kritik, verwandte und konkurrierende Befunde, Literaturempfehlungen. Randstichworte helfen dabei dem kursorischen oder diagonalen Lesen.

Der Kern des Ansatzes ist das Verständnis bewusster Zuwendung zu Medien­inhalten auf­grund von vorhandenen Bedürfnissen und Motiven, Rezeption also als aktiver und zumeist reflektierter Vorgang. Elihu Katz (*1926, inzwischen 93 Jahre alt) formulierte 1959 zuerst die Perspektive, „was die Menschen mit den Medien machen“. Dabei gliedern sich die Motive in kognitive (u.a. Wissbegier), affektive (u.a. Emotionalität), sozial-interaktive (u.a. Folgekommunikation) und integrativ-habituelle (u.a. Eskapismus). Weitere wichtige Begriffe sind Selek­tivität, Involvement und Nützlichkeit. Sie verdeutlichen den Medienkonsum vor-, auf- und nachbereitende Reflexionen und Bewertungen. Als theoretische Grundlagen werden Funktionalismus, Handlungstheorien und symbolischer Interaktionismus erläutert.

Das anschließende Kapitel Forschungslogik beschreibt die Methoden und Instrumente, die im Sinne dieses Forschungsansatzes empirische Befunde erhoben werden können. Die darauf folgende Darstellung empirischer Befunde verbleibt weitgehend in der Sphäre der universitären Forschung. Auf vierein­halb Seiten versucht sie, in die Praxis zu blicken und wird prompt unzutreffend: „Die Mediaforschung ist das angewandte Pendant der akademischen Forschung zur Mediennutzung“ (S. 98). Dieser Satz ist falsch – Rezeptions- und Zielgrup­pen­­­for­schung gehen in der Praxis weit über Mediaforschung hinaus. Richtig ärgerlich dann der Satz: „Hier geht es nicht primär um den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, sondern um den Überblick über Marktdaten.“ Das ist nun blanke Ideologie, genauso wie der Gegensatz von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen. Denn vielen Wissenschaftlern geht es bei ihrem Tun zu allererst ebenso um eigenwirtschaftliche Interessen – also um die eigene akademische Karriere. Wissenschaftlich gearbeitet wird gleichermaßen in Hoch­schulen und in der angewandten Rezeptionsforschung.

Das Lehrbuch positioniert Kernsätze, Begriffe, Verfahren, Schlüsselstudien und Fallbeispiele jeweils in hervorgehobenen Blöcken. Formal ist es ein kompak­tes und übersichtlich gestaltetes Werk zum Thema.

Kritsch angemerkt werden soll abschließend, dass das Werk in seiner Perspek­tive zu stark im akademischen Forschungs­betrieb verbleibt. So beklagt die Autorin, die vielen Studien, die seit vielen Jahr­zehnten auf der Basis von Uses and Gratifications auch in der Praxis entstanden sind, hätten sich „besonders der Erhebung empirischer Daten verschrieben und zahlreiche kleinteilige Befunde hervorgebracht“ (S. 106), was „weder theoretisch noch empirisch wirklich fruchtbare Beiträge“ erbringe (S.107). Da fragt sich der Rezensent, was im Elfenbeinturm als „wirklich fruchtbar“ gilt? Die Erkenntnisse der Praxis lassen sich regelmäßig operationalisieren, aber zu welchem „wirklichen“ Zweck Personen an Hochschulen Kommunikations­wissenschaft betreiben, erschließt sich – jenseits der Lehre – häufig gar nicht.

Genau die geschmähten „kleinteiligen Befunde“ führen erst dazu, dass der ganze Ansatz hoch wirksam wird: Medienunternehmen berücksichtigen die Wünsche und Erwartungen ihrer Nutzer, indem sie auf der Basis empirischer Erhebungen ihre Produkte im Sinne und zum Nutzen ihrer Rezipienten justie­ren. Dies führt für das Gros der angebotenen Medienprodukte zu qualitativen Verbesserungen ihrer publizistischen Leistung. Hingegen versteigt sich die Autorin in folgenden „Kernsatz“: „Das Bild vom Publikum (…) wird als allzu einfache Legitimation dafür gesehen, mehr und mehr ähnliche Mainstream-Angebote zu produ­zie­ren“ (S. 112). Was soll dieser unbelegte, gefährlich verengte und damit falsche Blick auf unsere heutige vielfältige Medienrealität in einem aktuellen Lehrbuch?

Nach der Lektüre auch des letzten Kapitels über verwandte und konkurrierende Ansätze bleibt der Rezensent unentschieden zurück. Ja – hier wird viel zum Thema ver­mit­telt. Ja – die Autorin bemüht sich um didaktische Elemente und Anschau­lichkeit. Ja – uses and gratifications hat viele Facetten, in Deutschland beson­ders den Nutzenansatz von Renckstorf. Dann aber: Nein – warum Studenten oder Praktiker das alles wissen sollen, teilt sich nicht wirklich mit. Nein – das Werk behandelt das Thema als Lehrbuch trotz der Beispiele sehr distanziert und klinisch. Die versprochene Perspektive im Klappentext ist eine andere: „Wer verstehen möchte, wieso Medien in unserem Alltag so wichtig sind, kommt am Uses and Gratifications Ansatz nicht vorbei.“

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