Zeitung und Neue Zeit

Zeitung und neue Zeit

Vorschläge und Forderungen zur wissenschaftlichen Lösung eines sozialen Grundproblems

von Martin Mohr, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Erik Koenen

Reprint des Originals von 1919

Baden-Baden: Nomos (Edition Reinhard Fischer) 2021, 176 Seiten, 39 EUR
ISBN 978-3-8487-8230-7

 

(av) Im selben Jahr, in dem Martin Mohr (*1867) 1927 zum Direktor des drei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Instituts für Zeitungsforschung in Berlins ernannt wurde, starb er an einem Herzinfarkt. So setzte sein Nachfolger Emil Dovifat die nächsten 30 Jahre wesentliche Akzente der Berliner Zeitungswissenschaft.

Mohr hatte 1891 in Geschichte und Nationalökonomie promoviert und war danach als Tagespresse-Journalist in Berlin und später bis 1914 als Chefredak-teur der „Münchener Neuesten Nachrichten“ in München tätig. Die Kriegsjahre war er in Warschau Leiter der Presseverwaltung im besetzten Polen, faktisch einer Zensur-, Propaganda- und Pressestelle der Mittelmächte.
Seit 1905 befasste sich Mohr auch mit Berufsfragen des Journalismus und warb in Presseverbänden um eine akademische Berufsvorbildung. Die Schrift „Zeitung und neue Zeit“ erschien 1919, gerade waren der 1. Weltkrieg beendet und die junge Weimarer Republik gegründet.

Die rund 100 Seiten lange Abhandlung trug den Untertitel „Vorschläge und Forderungen zur wissenschaftlichen Lösung eines sozialen Grundproblems“ und sollte auch die Möglichkeiten zeitungskundlicher Forschung und Lehre skizzieren. Was bringt uns heute diese Wiederveröffentlichung? Dies ist die gewählte Perspektive der vorliegenden Rezension.

Bereits die einleitende Programmatik klingt nicht nach Aufbruch in die Republik, sondern altvertraut revisionistisch: Mohr hat den „unzerstörbaren Glauben an Deutschlands Zukunft“, an der die Zeitung „als unentbehrliche Helferin“ mitwirkt. Es geht um den „deutschen Idealismus“, um die „deutsche Journalistik“, um die „deutsche Zeitung“ (40f.) als „tägliche Lehrerin des Volkes“ (43). Wobei das Adjektiv „deutsch“ ganz gezielt so penetrant genutzt wird.

Denn die deutsche Zeitung ist nach Mohr ein in den „Strom der öffentlichen Meinung im eigenen Volke (…) eingeschalteter Mechanismus“ (47), der nicht nur in der Heimat wirken, sondern sich als „Weltpresse“ „im Frieden ein Pflugschar, im Kriege ein Schwert, sich des deutschen Volkes (…) zur Verfügung“ stellen soll. Zukünftig, das zeigten auch die Erfahrungen des 1. Weltkriegs, gelte es, an der „Weltmeinung“ Anteil zu nehmen, weil „die Kämpfe der Völker jetzt und für die Zukunft vor allem auf (…) dem unsichtbaren Kampfplatz der Seelen auszufechten sind“ (52).

Mohrs erste Analyse der Gefahren zeitgenössischer Publizistik erfolgt mit der Brille des ehemaligen Chefredakteurs und wird hochaktuell, wenn man in seiner Analyse (68-74) das Wort „Zeitung“ durch „Smartphone“ ersetzt. Einiges war damals schon fraglich, so die Behauptung es sei die Regel, dass „heutzutage jede Zeitung in ihrem Wirkungskreis ununterbrochen in engster Berührung mit den Bedürfnissen ihres Leserkreises“ sei (70).

Die Lösung für die Abwendung der Gefahren ist dann historisch rückschauend erst recht keine gewesen: Das Vertrauen auf einen „berufstüchtigen Journalistenstand“ mit dem „Bewußtsein einer sittlichen Sendung“ (75), der „im Bündnis mit (…) der wissenschaftlichen Fürsorge für die Zeitung, in der gemeinsamen Pflege der Zeitungskunde (…) als Vertreterin der höchstem Interessen des gesamten Zeitungswesens (…) Ausgleich und Vereinigung, Schutz und Pflege“ gewährt (76). Zukünftige zeitungswissenschaftliche Institute, deren erforderlichen Forscher und Lehrer der deutschen Journalismus selbst stellen wollte (89), beschreibt Mohr entsprechend als „eine Werk- und Heimstatt (…), geistige Berufszentrale (…) moralischer Stützpunkt“ (59).

Dies sind Funktionen, die die zukünftige deutsche Zeitungs-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft für den Tagespresse-Journalismus in den folgenden 100 Jahren tatsächlich weder geleistet hat bzw. noch je leisten konnte.

Die Analyse des Journalismus von Mohr bleibt eigentümlich frei von jeglichen konkreten gesellschaftlichen Zielen. Zwar werden verschiedenste Anforderungen an den Journalismus aufgezählt: Begabung, Können, Fleiß, Allgemeinwissen, ‚Zeitgeist‘ erkennen, Vorgänge und Meinungen verknüpfen, beleuchten, Mut zu Meinung, rechte Worte finden, aber auch: „Takt, nochmals Takt und zum drittenmal Takt“ (83). Nur – wem gegenüber gilt der Takt? Auch die weitere Ausführungen bleiben nichts als Worthüllen: Die „neue Zeit“ (133) wird bemüht, ohne sie zu konkretisieren, Außer dem „deutschen Idealismus“ finden sich bei Mohr selber keine weiteren gesellschaftsbezogenen Kernaufgaben des Journalismus.

Aber Mohr zitiert ausführlich Rudolf Kittel, damals Rektor der Universität Leipzig, zum neuen Institut für Zeitungskunde und den Aufgaben des Journalismus und macht sich damit auch diese seine Position zu eigen: „Die Hauptaufgabe bleibt aber noch. Die Schriftleitung muß imstande sein, die Ereignisse im Lichte der Idee zur Darstellung zu bringen. Das heißt, sie muß vermögen, sie in den Dienst der vaterländischen Aufgabe und der nationalen Politik zu stellen.“ (96) Das soll zwar einerseits keine Einheitspresse hervorrufen, sondern „verschiedener Richtung sein“, andererseits wird damit aber eine deutsch-nationale Ausrichtung zur zentralen journalistischen Norm erklärt. Hinzu kommen Rollenzuschreibungen als Richter kultureller Leistungen, die „unfähige Kräfte fernhalten“. Auch soll die Presse „endlich den großen Problemen der öffentlichen Moral, der Volksgesundheit und der Rassenhygiene (…) ihre Aufmerksamkeit schenken“ (97) – da leuchtet eine schlimmere als nur nationale Gesinnung dieses evangelischen Theologen auf.

Jenseits dieses Beitrags zitiert Mohr dann weitere, zumeist sehr belanglose Äußerungen von Zeitgenossen, soweit sie seinem Ziel dienen.

In seinem Kapitel „Der Vorschlag“ breitet Mohr dann sein Konzept akribisch aus. Dabei erscheint zunächst die Überprüfung des Wahrheitsgehalts der Berichterstattung in Zeiten heutigen Fake-News als Aufgabe interessant: „Die Zeitungskunde hat zur Aufgabe, an der Hand des Materials, das die Zeitungen und Zeitschriften bringen, alle öffentlich bemerkenswerten Vorgänge zu beobachten, zu verzeichnen, auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen und diesen festzustellen (…)“ (118) und danach zeitnah den Zeitungen zur Verfügung zu stellen. Doch dann wird es bereits wieder problematisch:

„Die fortgesetzte Beobachtung der öffentlichen Meinung im In- und Auslande (…) könnte vorteilhaft dazu beitragen, unsere Publizistik unauffällig auf eine richtige und kluge Behandlung des Auslands hinzuweisen (…). Soviel sei angedeutet, um darzutun, daß es sich bei dem umfassenden Gebiet des Zeitungswissenschaftlichen nicht allein um Wissenschaft als Selbstzweck handelt, sondern um recht praktische Gesichtspunkte, die in dem Worte »Kulturpropaganda durch die Presse« hier nur angedeutet seien.“ (121) Ziel der Beobachtung und der Zeitungswissenschaft ist somit auch eine subtile Lenkung der Presse im nationalstaatlichen Sinne. Schließlich soll der Journalismus „die deutschen Interessen vor dem Auslande autoritativ wahrnehmen“ (75) und sich hierfür „in das Räderwerk der gesamten deutschen Gemeinschaftsarbeit“ (133) einfügen.

Schließlich werden seitenlang praktische Unterrichtungen als Ziele formuliert, die zugleich die durchgängig kaum erträgliche schwülstige Überhöhung des Journalisten-Berufs über alle anderen Berufe (vgl. 124) fortsetzt (was Mohr heute als völlig ungeeignet zur wissenschaftlichen Erforschung des Journalismus erscheinen lassen würde), die Aufgaben des Journalismus erfolgen dabei durchgängig obrigkeitshörig: „Die Führung unseres Volkes (…) sie mühen sich umsonst ab, wenn das Volk (…) nicht (…) auf Grund der Kenntnis des Geschehenen auch dem Werdenden einsichtig folgen kann.“ (126) Die Journalistik betätigt sich dabei systematisch „als Lehrerin des öffentlichen Wissens und Erzieherin der politischen Pflichterfüllung“ (126).

Nein, der Autor dieser Rezension sieht sich in keiner Weise als Presseforscher in der Tradition Mohrs und kann auf diesen Ahnen verzichten – es gibt genügend andere. Man fragt sich, was die Wiederveröffentlichung dieses Textes bringen soll, umso mehr, als die Kommentierung völlig kritiklos die politischen Implikationen außer Acht lässt. Es ist nicht verwunderlich, dass eine Zeitungswissenschaft in der „Tradition“ Mohrs historisch betrachtet weder einen Beitrag zur Stabilität der Weimarer Republik geleistet, noch Anpassungsprobleme unter dem Nationalsozialismus gezeigt hat.

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