Zeitschriften und Medienunterhaltung

Zeitschriften und Medienunterhaltung

Zur Evaluation von Medien und Gesellschaft in systemtheoretischer Perspektive

von Axel Kuhn

Wiesbaden: Springer VS 2018, 498 Seiten
ISBN 978-3-658-20210-1; 59,99 EUR
ISBN 978-3-658-20211-8 (eBook); 46,99 EUR

 

(av) Umfangreich ist diese Habilitationsschrift aus dem Fach Buchwissenschaft geworden. Sie besteht eigentlich aus drei Teilen, die der Autor miteinander verzahnt: 1) dem Versuch, „Zeitschrift“ als gewinnbringenden Terminus zu konzipieren, 2) einer geschichtswissenschaftlichen Sicht auf die Entwicklung der Presse von den Frühformen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aus systemtheoretischer bzw. mediensoziologischer Perspektive und 3) der Diskussion von Konzepten, „Medienunterhaltung“ als zentralen Begriff universeller Umweltbeobachtung zu positionieren. Der Autor will damit zwei Begriffe (Zeitschrift, Medienunterhaltung) mit wissenschaftlicher Bedeutung aufladen und (wieder) als zentrale Begriffe etablieren, die aus Sicht des Rezensenten nur schwer zu retten sind. Denn ihre jeweilige Begriffsgeschichte in den Fachwissenschaften ist bunt und vielfältig, die Begriffe werden bis in die Gegenwart höchst unterschiedlich und zumeist sehr unscharf und phänomenologisch denotiert.

Der Autor macht seinen Rezipienten die Lektüre nicht leicht. Nicht nur sind Satzbau und Sprache durchgängig komplex, sondern das Werk ist auch von vielfältigen Redundanzen durchzogen und pointierte Abschnitte finden sich selten. Die medienhistorischen Elemente sind kein Ergebnis erneuter Quellensichtung, sondern weitgehend aus der vorhandenen Literatur übernommen. Das mag zwar für die gewählte Makrosicht auf die Presseentwicklung forschungsökonomisch unumgänglich gewesen sein, führt jedoch auch zu problematischen Einordnungen einiger Zeitschriftenbeispiele. Die  durchgängig gewählte mediensoziologische Perspektive blendet zudem medienökonomisch wirksame Elemente weitgehend aus, was andere als die angeführten Entwicklungsursachen verschüttet.

Was nun sind neue und anschlussfähige Kernelemente dieser Habilitationssschrift? Sicherlich zunächst eine gewisse Entgrenzung der Buchwissenschaft, die der Rezensent als Kommunikationswissenschaftler nicht einschätzen kan. Sodann formuliert der Autor zwei übergeordnete Fragestellungen: „1) Wie lässt sich die Entstehung der Zeitschrift als Folge sozialer Bedürfnisse erklären und wie und warum entwickelt sie sich in Wechselwirkung zum sozialen Wandel? 2) Welche Bedeutung hat Medienunterhaltung für die Entstehung und Entwicklung der Zeitschrift? Welche Funktionen lassen sich daraus für die Gesellschaft ableiten? Und welche Folgen hat das für die Evolution des Mediensystems?“ (S. 36). Dabei ist es das Ziel des Autors, für Zeitschrift und Medienunterhaltung aufzuzeigen, „wie deren Evolution unter historischen Gesichtspunkten als soziales Phänomen zustande kommt“ (S. 36). Hierzu wird „Funktionalität“ ein Kernbegriff des Autors – 176 mal in der Arbeit verwendet – den er als bedürfnisorientiert  fasst. Er sichtet die Geschichte der Zeitschrift im Folgenden dann konsequent aus einer systemfunktionalen Perspektive – was in dieser Ausführungstiefe neu ist. Dabei wird die besondere Funktionalität der Zeitschrift als Befriedigung eines „Bedürfnis nach kultureller Kommunikation, welches die vorhandenen Medien aufgrund ihrer entwickelten Funktionszuweisungen nicht erfüllen konnten“ (S. 38) gefasst. Zudem glit: „Die systemfunktionale Betrachtung erfolgt unter der Prämisse, dass die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Zeitschriftengattungen mit veränderten Unterhaltungsbedürfnissen einhergeht.“ (38). Prämissen werden am Anfang gesetzt – insofern bestimmt auch diese die Interpretationsrichtung der gesamten Abhandlung.

Die grundsätzliche Koppelung von Zeitschrift und Unterhaltung überrascht und legt die Vermutung nahe, dass der Autor beide Begriffe spezifisch besetzt. Denn für zB. die Entwicklung der Fachpresse liegt auf der Hand, der hier Unterhaltung im herkömmlichen Verständnis als zentrales Bedürfnis nicht taugen wird. Der Autor diskutiert in Kapitel 6 die in der Literatur vorfindbaren Definitionen von Zeitschrift und kommt zum Ergebnis: „Insgesamt lässt sich aus den bisherigen Definitionsversuchen ableiten, dass es zunächst an einer universellen makroskopischen Einordnung der Zeitschrift im Mediensystem fehlt.“ (158). Mal wieder fehlt etwas – auch dieser Autor nimmt also nicht ein Scheitern zur Kenntnis, sondern vermutet ein offensichtliches Unvermögen der bisherigen Wissenschaft. Nach einer entgrenzenden Bestimmung von Medien als „Formen kommunikativer Operationen“ (166) werden dann Zeitschriften als „Variationen älterer publizistischer Formen wie Rhetorik, Gespräch, Aufführung, Buch, Flugschrift, Zeitung etc.“ bestimmt (169), die sich evolutionär über Selektions- und Variationsprozesse stabilisieren. Faktisch eliminiert dieser Ansatz nun elegant an dieser Stelle das Definitionsproblem und gibt dem Autor stattdessen einen Rahmen, durch den er nun die bisherige Geschichtsschreibung dessen, was andere Zeitschriften genannt haben, auf ihre Funktionalitäten hin untersucht. Dabei wendet er sich zunehmend der „Evolution der populären Zeitschrift als funktionale Form der medialen Wirklichkeitskonstruktion“ (217) zu, wobei der Autor die historische Betrachtung mit den Familienzeitschriften zum Ende des 19. Jahrhunderts abbricht (275). Die gewählte Perspektive ist bis dahin legitim, aber keinsfalls eine zwingende Interpretation der Zeitschriften-Historie.

Von hier aus ist der Wechsel zu Konzepten der Medienunterhaltung (Kapitel 8) freilich gut möglich, denn „insbesondere populäre Zeitschriften werden in ihrer historischen Entstehung gleichzeitig als Unterhaltungsmedien beschrieben“ (291). Dabei wird Medienunterhaltung nicht als Wirkung, sondern als soziales Phänomen verortet (294) und damit nicht als Zustand oder Emotion, sondern mit Werner Früh als Prozess: »Unterhaltung ist also eine allgemeine Modalität der Informationsverarbeitung, mit der beliebige Inhalte entsprechend transformiert werden können« (320, Früh 2004). Ausgehend von der These „Wahrscheinlichkeiten unterhaltsamen Erlebens ergeben sich aus inhaltlichen Themen, Gestaltungselementen ihrer Darstellung und komplexeren kommunikativen Interaktionsmustern während des Medienhandelns.“ (328) diskutiert der Autor nun Zeitschriften und Unterhaltsamkeit „abstrahiert und stark vereinfacht“ (FN 728) anhand der Kategorien Ästhetik, Identifikation und Parasoziale Interaktion sowie Erwartung und Überraschung. Er weist der Unterhaltsamkeit anschließend, gestützt auf andere Autoren, eine „soziokulturelle Funktionalität“ (360) zu.

Die Verbindung von Zeitschriften und Unterhaltsamkeit gelingt nun durch erneuten Rückgriff in die Historie der Zeitschriften. Sie ist schließlich voll von (auch) unterhaltenden Konzepten, wenngleich dieses – so gibt der Rezensent zu bedenken – bis in die Gegenwart, zB. besonders in Gestalt der „Sensationspresse“ nur einen Ausschnitt der vielfältigen Zeitschriftenkonzepte darstellt. Dabei wird auch die zunehmende Bildlichkeit als der Unterhaltsamkeit geschuldet gedeutet. Der Autor weist sodann der Unterhaltsamkeit eine Schlüsselstellung im Mediensystem zu (396):

„Es wird an dieser Stelle deswegen vorgeschlagen, in einer neutraleren, abstrakten und übergreifenden Perspektive die binäre Codierung des Mediensystems ebenfalls auf die Mitteilungsebene kommunikativer Operationen zu legen, aber allgemein als unterhaltsam/nicht-unterhaltsam zu bestimmen: Als Erfolgsmedium funktioniert Unterhaltsamkeit als Präferenz, weil die Wahrscheinlichkeit von Verstehen und Anschlusskommunikation direkt mit ihr korreliert.“

Damit überbewertet der Autor allerdings die von ihm angeführten Studien zur Wirkung von Unterhaltsamkeit im Kommunikationsprozeß erheblich und vernachlässigt all jene Studien, die Unterhaltsamkeit als einen Ablenkungsfaktor von Sinnzuweisungen in Lern- und Alltagssituationen nachweisen [gerade wissenschaftliche Texte sind oft bar jeglichen Unterhaltungswertes]. Die mehr und mehr eingenommene Metasicht auf das Thema verzichtet auf die konkrete Herleitung anhand konkreter Fallbeispiele. Somit bleibt die zentrale Aussage „der Bestimmung von Unterhaltsamkeit als universellem Erfolgsmedium des Mediensystems“ (397) eine These. Die abschließenden Differenzierungen von Zeitschriften als „mediensystemspezifisch“ und „systemspezifisch“ (432f.) verbleiben im Korridor der in der Literatur auffindbaren funktionalen Gliederungen, eine wirklich neue Qualität wird daraus nicht begründet, zumal auf ergänzende Kritierien der Bestimmung verzichtet wird (Vertriebsform, Kauftitel, Unabhängigkeit von Verlag/Redaktion, etc.).

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